30+ Jahre Deutsche Fußball-Amateurmeisterschaft
Entdecken Sie das Informationsportal des Offenburger FV 1907 e.V. – Ein Mythos in Rot & Weiß – Eine Verbindung von traditionellem Erbe und zeitgemäßem Fußball...
Erläuterung: Nach der Reformierung des deutschen Fußballsports nach dem Zweiten Weltkrieg gab es ab der Saison 1950/51 neben der Deutschen Meisterschaft, die ausschließlich dem „bezahlten" Fußball vorbehalten blieb, auch eine Deutsche Meisterschaft der Amateure. Es ging hierbei um den vom Nürnberger Alt-Internationalen Carl-Riegel benannten Wanderpokal. Leider muß aber gesagt werden, daß diese Endrunden mehr und mehr eine Meisterschaft der "verhinderten Meister" geworden ist, denn von Anfang an zogen es die meisten Landes- bzw. Regionalmeister vor, an den Aufstiegsspielen zu den Vertragsklassen der 2. Ligen und später der Regionalligen teilzunehmen.
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Die Idylle war trügerisch: Hinter den Toren der landschaftlich reizvoll gelegenen südbadischen Sportschule am Fuße der Steinbacher Weinberge schweißte ein Trio den neuen Offenburger FV zusammen. Trainer Klaus Blawert, sein Assistent Rolf Müller und Spielleiter Paul Leinz fanden hier ideale Voraussetzungen für eine durch die Teilnahme an den Amateurmeisterschaftsspielen um zwei Wochen verkürzte Saisonvorbereitung. Der neuen Trainer gab die Zielvorgabe für sich und seine Mannschaft aus: An der Spitze mitspielen! Nach dem Erreichen der Vize-Meisterschaft im letzten Jahr wurde der OFV allerorts zum Titelfavoriten erklärt. Alle 18 Vereine der Oberliga Baden-Württemberg stuften ihn in die Spitzengruppe ein – der Tipp von 13 Vereinen: Meister wird Offenburg. Erstens kommt es anders – und zweitens als man denkt. Und weil dem gerade im Fußball so ist, verstand man die Welt in Offenburg nicht mehr. Nach einem miserablen Saisonstart war man vom Ziel einer Meisterschaft hier weit entfernt. Drei Tage vor dem Oberliga-Schlager gegen den Spitzenreiter VfR Aalen beurlaubte die Vorstandschaft des Offenburger FV ihren bisherigen Trainer Klaus Blawert. In einer Pressekonferenz erläuterten die Vorstandsmitglieder Klaus Göppert, Richard End und Spielleiter Paul Leinz die Gründe für den überraschenden Schritt. Der schwache Saisonstart, das Nachlassen der Mannschaft und die katastrophale Leistung zuletzt bei der 0:3-Niederlage in Pfullendorf waren ausschlaggebend für einen Wechsel auf der Kommandobrücke. Die mit namhaften Spielern verstärkte Mannschaft wurde mit der von vielen aufgedrängten Favoritenrolle nicht fertig.
Ein Trainerjob in Offenburg war im Übrigen fast genau so begehrt wie ein Arbeitsplatz im bezahlten Fußball. Unter den Trainerkandidaten befanden sich deshalb auch Rudolf „Rudi“ Kröner, Anton Rudinski und auch der ehrgeizige Hans Schiller. Der OFV präsentierte aber den bundesligaerfahrenen Manfred Krafft (SV Darmstadt 98). Der 46-Jährige Fußball-Lehrer erklärte in einer Pressekonferenz: “Ich habe es satt, untätig herumzusitzen und habe mich entschlossen, dem Offenburger FV zu helfen. Am Ende der Vorrunde werde ich mich entscheiden, ob ich das Training bis Saisonende fortführe.“ „Nicht jeder neue Besen kehrt gut und nicht jeder neue Trainer sorgt für die Wende“. Krafft´s Premierestück in der Oberliga fiel mit einer 0:3-Packung durch und die 2.800 Zuschauer im Karl-Heitz-Stadion pfiffen ihre Mannschaft aus. Manfred Krafft, der keinen Vertrag unterschrieben hatte, blieb keine drei Wochen und verließ den OFV nach zwei peinlichen Niederlagen in Richtung 1. FC Kaiserslautern. Seine niederschmetternde Bilanz: 0:5 Tore und 0:4 Punkte. Nach seinem kurzen Gastspiel gab er noch zu Wort: „Der OFV hat halt nur’ne Mannschaft mit Mittelmaß…“ Plötzlich standen sie ohne offiziellen Trainer da. Mit dem plötzlichen Absprung zum Betzenberg in die Pfalz habe man beim OFV nicht gerechnet, als Paul Leinz am 03. November 1983 um 06:00 Uhr morgens völlig konsterniert die Kündigung am Telefon entgegennahm. Wie aus nordrhein-westfälischen Fußballkreisen zu erfahren war, bot er sich während seines Engagements in Offenburg bei den Zweitligisten BV Lütringhausen und Rot-Weiß Essen an.
Jetzt stand der OFV vor einem Scherbenhaufen. Von der Schadenfreude der Konkurrenz ganz zu schweigen. Somit übernahm Interims-Coach Rolf Müller die Trainingsleitung und es schien wieder aufwärts zu gehen. Nach der 0:7-Schlappe am 13. November 1983 beim Absteiger FV Lauda wurde von der „schwärzesten Stunde“ des OFV gesprochen. Nur drei Tage später folgte mit dem 0:3-Pokal-K.O. gegen den „kleinen“ Landesligisten FV Ebersweier im Karl-Heitz-Stadion eine noch schwärzere und hatte das Image des südbadischen Oberligisten derart angekratzt, daß nur noch wenig Hoffnung auf Besserung vorhanden war. Diese Niederlage hatte Konsequenzen. Der OFV war ein einziges Pulverfass. Ratlosigkeit und Hilflosigkeit machten sich rund um das Karl-Heitz-Stadion breit. Manche sprachen von chaotischen Verhältnissen. Zu groß waren die Erwartungen, zu groß der Erfolgsdruck auch für eine nervös gewordene Vorstandscrew, die nun zum Handeln gezwungen war. Einen Trainer, der nur große Sprüche klopft, konnte der OFV am wenigsten gebrauchen. „Alles was man spontan macht, kann falsch sein“, sagte Spielleiter Paul Leinz, der aber zugestand, daß möglicherweise schon im Heimspiel gegen die KSC-Amateure nach Klaus Blawert, Manfred Krafft und Rolf Müller ein vierter Trainer auf der Bank sitzen wird. Die Ex-Nationalspieler Wolfgang Weber, Hans Tilkowski, Siegfried „Siggi“ Held – drei mögliche Kandidaten? Ein Mann wie der exzellente Oberliga-Kenner Emil Kühnle (SV Neckargerach) schien für den OFV auch nicht der richtige Mann zu sein, um den verfahrenen Karren aus dem Dreck zu ziehen. Und Interims-Coach Rolf Müller wollte nicht mehr…
Unter fünfzehn Bewerbern aus ganz Deutschland entschied sich die Vorstandschaft für den 42-jährigen Karl-Heinz „Kalla“ Bente als neuen Trainer. Als Kenner der OFV-Szene und der Oberliga Baden-Württemberg erhielt „Kalla“ Bente einen Vertrag bis zum Saisonende. Auf der Strecke blieben dabei so klangvolle Namen wie der des Jugoslawen Slobodan Cendic (Alemannia Aachen, SC Charlottenburg). Auch Emil Kühnle – als hart aber besonnen bekannt – bekam einen Korb.
Am 17. November 1983 übernahm der charismatische „Kalla“ Bente als Teamchef beim südbadischen Oberligisten und machte aus einem komplizierten Geflecht von fast untrainierbaren Stars wieder eine Mannschaft. Nur zwei Trainingsabende standen dem neuen Trainer zur Verfügung, um die auf dem Tiefpunkt befindliche Mannschaft neu zu formieren. „Ihr dürft auch Fehler machen, aber die Disziplin und taktische Marschrichtung müßt ihr einhalten“, gab „Kalla“ Bente seiner Truppe mit auf den Rasen. Mit 18:16 Punkten lag der OFV nur auf einem mageren Mittelfeldplatz (10.). Am 19. November 1983 erlebten 1.000 Besucher im Karl-Heitz-Stadion einen 2:0-Sieg des OFV gegen die defensiv spielenden Amateure des Karlsruher SC. „Die Situation war für uns klar. Wir mußten das Spiel gewinnen und das haben wir geschafft. Mit der kämpferischen Einstellung und mit der Disziplin meiner Truppe war ich zufrieden. Erfreulich war die Steigerung in der zweiten Halbzeit…“, so der neue Trainer. Bentes anschließende Ausbeute: Vier Siege aus fünf Spielen und Spielleiter Paul Leinz resümierte: „Er ging in seiner Aufgabe auf.“
Sie schämen sich ihres Schmerzes und ihrer Tränen nicht. In den wenigen Wochen seit Mitte November 1983 hatten sie ihren neuen Trainer ins Herz geschlossen. Die Mannschaft erlebte am Mittwochabend des 25. Januar 1984 eine ihrer bittersten Stunden. Tags zuvor hatten sie sich noch mit witzigen Worten vom Training verabschiedet, wenige Stunden später war Karl-Heinz „Kalla“ Bente tot. Am Morgen dieses Wintertages wurde an der Autobahn A5 nahe Teningen aus dem angrenzenden Wald ein Auto-Wrack geborgen. In den Überresten eines dunkelgrünen Porsche 911 mit dem Kennzeichen „FR-EH 750“ lebte „Kalla“ Bente zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr.
Wie geht es weiter beim OFV? Überwindet die Mannschaft den Schock nach dem plötzlichen Unfalltod ihres qualifizierten Trainers? Diese Fragen bewegten in den letzten Tagen nicht nur die Anhänger des OFV. Geradezu trotzig reagierten fast alle Spieler auf das Thema „Neuverpflichtung eines Trainers“. „Wir wollen so weitermachen wie es im Sinne von „Kalla“ Bente gewesen ist. Wir brauchen keinen neuen Trainer, wir haben genug Moral und Substanz. Wir spielen ab sofort nur noch für unseren verstorbenen Trainer!“ Felsenfest klang diese Meinung der gesamten Mannschaft, die sich als echte Einheit präsentierte. Alfred Metzler übernahm mit einer anfänglichen Notlösung heraus die Trainerrolle und es entwickelte sich bald eine gut funktionierende Zusammenarbeit. Als beste Rückrundenmannschaft standen die Offenburger fünf Spieltage vor Saisonende mit 37:21 Punkten auf Rang vier, drei Punkte hinter Tabellenführer Freiburg. Ein 2:2-Unentschieden im Kuppenheimer Wörtel-Stadion warfen den OFV theoretisch aus dem Titelrennen, obwohl in der Meisterschafts- als auch in der Aufstiegsfrage so gut wie noch nichts entschieden war. Zwei Spieltage vor Saisonende kam ein 2:1-Erfolg bei den KSC-Amateuren zu spät, um noch ein Fünkchen Hoffnung auf den Titelgewinn zuhaben. In den letzten 90 Minuten der Saison 1983/84 ließ sich ein glänzend aufgelegter Offenburger FV „die Butter nicht mehr vom Brot nehmen“ und schlug im Jahn-Stadion die SpVgg. Ludwigsburg sicher und überzeugend mit 5:2-Toren. Trotz der optimalen Punkteausbeute aus den letzten vier Spielen reichte es lediglich für Platz zwei hinter Meister Freiburger FC. Als Trost für eine verpaßte Meisterschaft blieb wieder „nur“ die Teilnahme an den Spielen um die Deutsche Fußball-Amateurmeisterschaft. Doch diese Teilnahme ging in die Geschichte des Vereins ein...
* Update: 27. März 23
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Der Weg ins Finale – 1. Runde (Hinspiel) am 26. Mai 1984 • Begegnung Tennis Borussia Berlin – Offenburger FV 2:1 (-:-) • Aufstellung Müller, Bruder, Hertwig, Schmidt, Kern, Hartmann, Trenkel, Kornetzki, Schmider, Hertweck, Anderer (76. Todzi) • Tore -- • Schiedsrichter Krohn (--) • Zuschauer 439 (2.000) • Besondere Vorkommnisse Schmidt (68. Rote Karte wg. Linienrichterbeleidigung)
Der Weg ins Finale – 1. Runde (Rückspiel) am 31. Mai 1984 • Begegnung Offenburger FV – Tennis Borussia Berlin 4:1 (3:0) • Aufstellung Müller, Hertwig, Kern (76. Linsenmaier), Kornetzki, Bruder, Schmider, Todzi, Hartmann, Anderer, Trenkel, Hertweck • Tore 1:0, 2:0 Anderer (4., 12.), 3:0 Todzi, (37.), 3:1 (60.), 4:1 Hertweck (87.) • Schiedsrichter Matheis (Rodalben) • Zuschauer 2.000 • Besondere Vorkommnisse -- -
Der Weg ins Finale – Halbfinale (Hinspiel) am 03./04. Juni 1984 • Begegnung SV Eintracht Trier – Offenburger FV 4:4 (2:2) • Aufstellung Müller, Hertwig, Linsenmaier, Kornetzki, Bruder, Schmider, Todzi, Hartmann, Anderer, Trenkel, Hertweck • Tore 1:0 (12.), 2:0 (26./FE), 2:1 Kornetzki, (40.), 2:2 Hertwig (42./FE), 3:2 (51.), 4:2 (57.), 4:3 Hertweck (67.), 4:4 Anderer (71.) • Schiedsrichter Paulus (Bingen) • Zuschauer 1.000 • Besondere Vorkommnisse --
Der Weg ins Finale – Halbfinale (Rückspiel) am 12. Juni 1984 • Begegnung Offenburger FV – SV Eintracht Trier 4:1 (1:0) • Aufstellung Müller, Hertwig, Bruder, Kornetzki, Linsenmaier, Schmider, Hartmann, Trenkel, Hertweck, Todzi (75. Kienzler), Anderer • Tore 1:0, 2:0 Todzi (26., 47.), 3:0 Trenkel, (58.), 4:0 Kinzler (76.), 4:1 (90.) • Schiedsrichter Schmid (Augsburg) • Zuschauer 4.000 • Besondere Vorkommnisse -- -
Das Finale – 16. Juni 1984 • Begegnung Offenburger FV – SC Eintracht Hamm 4:1 (1:0) • Aufstellung Müller, Hertwig, Kern, Kornetzki, Bruder, Schmider, Todzi, Hartmann, Anderer, Trenkel, Hertweck
(Auswechselspieler: Schneider, Kern, Kienzler, Lorenz, Handrack)• Tore 1:0 Todzi (24.), 2:0 Todzi (69.), 2:1 (71.), 3:1 Hertweck (78.), 4:1 Todzi (85.) • Schiedsrichter Niebergall (Rammelsbach) • Zuschauer 9.000 • Besondere Vorkommnisse --
Das Finale: Offenburg, 16. Juni 1984
Der Offenburger FV hat seine „Stunde X“ glorreich überstanden und darf sich mit dem Titel „Deutscher Fußball-Amateurmeister“ von 1984 schmücken. Vorbei waren 90 mitreißende Minuten, welche gut 9.000 Besucher voll in ihren Bann gezogen hatten. 4:1 hieß am Ende der Sieger OFV, während sich der Gegner SC Eintracht Hamm nur darüber trösten konnte, den Südbadenern einen tollen Kampf geliefert zu haben. Sicherlich wurde der Gast etwas unter Wert geschlagen, aber der OFV hatte an diesem Tag neben seiner spielerischen Klasse auch das Quäntchen Glück, das man eben in einigen Phasen des Spiels einfach braucht.
Fußball zum Verlieben! Eine Delikatesse für jedermann!
Noch immer schwärmen die vielen tausend Zuschauer von dieser Begegnung. Einfach unglaublich, daß sich zwei Mannschaften nach 34 Saisonspielen und vier Treffen in der Amateurmeisterschaft noch solch großartigen Fußball bieten können. Das greise DFB-Präsidiumsmitglied Gustl Wenzel lobte das Spiel in höchsten Tönen. „Ich habe noch nicht viele Spiele in der zweiten Liga gesehen, die solch großartiges Niveau hatten." Tags zuvor wurde zwar OFV-Vorstopper Schmidt auf dem Gnadenweg für dieses Finale freigegeben, aber nach eingehender Überlegung wollten die Verantwortlichen die Mannschaft der letzten drei Spiele nicht umkrempeln. Eine gute Entscheidung, denn besser als Kornetzki seine Aufgabe löste, hätte es niemand machen können. Der OFV zeigte gleich von Beginn an, dass er der Herr im Hause sein wollte. Eintracht Hamm spielte zunächst gut mit und hätte in der 11. Minute fast in Führung gehen können. Einen abgefälschten Schuß lenkte OFV-Keeper Müller gerade noch über die Latte und beim anschließenden Eckball rettete Hertwig in letzter Not. Kurz darauf wackelte das Hammer Tor nach einem Lattenschuss von Hertweck. In der 16. Minute drehte der gute Gästetorwart Brock einen Hartmann-Schuß soeben noch um den Pfosten. Machtlos war er dann aber beim viel umjubelten 1:0. Hertwig bewies Übersicht und passte genau im richtigen Moment auf den freistehenden Todzi. Aus 14 Metern ließ er dem Gästekeeper keine Chance. Dies war zwar das einzige Tor bis zur Pause, aber auf beiden Seiten war viel Dampf in der Begegnung und Chancen gab es genügend. So ganz behagte dem Gast dieses Ergebnis nicht, denn er brachte einige Härten ins Spiel und Abwehrspieler Mehle bekam eine Zehn-Minuten-Strafe wegen Nachtretens aufgebrummt.
In der zweiten Halbzeit jagte ein Höhepunkt den anderen. Hamm wollte mit dem englischen Mittelfeldspieler Bennett mehr Druck machen und schon rauchte es vor dem OFV-Tor. Immer wieder sorgte vor allem Heiners für Gefahr. Der Ex-Bochumer Ellbracht wurde agiler und der OFV wankte. Hamm hatte die besseren und klareren Chancen, aber der OFV stieß mit einem glänzenden Spielmacher Trenkel und einem quirligen Todzi immer wieder in die Lücken. Der Schlagabtausch entwickelte sich zu einem Fußballfest, das Duell der beiden großartigen Mittelfeldspielern Reiners (Hamm) und Trenkel war wirklich nichts für Herzkranke. So hatte in der 52. Minute Todzi schon den Torwart umspielt, prallte jedoch bei einer nachfolgenden Attacke gegen den Pfosten und der Ball trudelte am leeren Tor vorbei. Fast im Gegenzug kurvte der eminent gefährliche Linksaußen Lopatenko an Müller vorbei, schoss ins leere Tor, aber ein Rettungsversuch von Hertwig in letzter Sekunde war erfolgreich. Was für ein Spiel! Die Westfalen mussten für zehn Minuten auf Paus (wegen Meckerns) verzichten und der OFV nutzte dies. Zunächst holte Brock einen Todzi-Schuß aus der unteren Ecke, aber dann führte eine gefühlvolle Trenkel-Flanke auf Todzis Kopf zum 2:0. Eine Vorentscheidung für den OFV? Weit gefehlt. Hamm schlug zurück. Hertwig wehrte wiederum einen Scharfschuß auf der Torlinie ab, der Nachschuß ging an die Latte und dann knallte Ellbracht das Leder aus acht Metern in die Kiste. Die ganze Wut steckte in diesem Schuß in der 71. Minute. Alles war wieder offen! Schon wenig später verpasste Ellbracht das 2:2 und im Gegenzug jagte Trenkel den Ball gegen die Latte. Welch eine Dramatik! In der 77. Minute köpfte Ellbracht freistehend den Ball aus vier Metern in die untere Ecke, aber OFV´s Müller rettete mit einer von vielen Glanzparaden. 30 Sekunden später im Gegenzug das 3:1, als Anderer zunächst scheiterte, aber dann das Leder Hertweck auflegte, der mit einem Flachschuß aus zwölf Metern ins Tor traf.
Das Stadion kochte, dampfte, qualmte...
Die Begeisterung war riesengroß. Wenig später mußte Kaczor für zehn Minuten das Feld (wegen Schiedsrichterbeileidigung) verlassen. Die Nerven spielten nun bei der Eintracht nicht mehr mit. Reiners stand frei vor Müller, aber er scheiterte (83.). Und dann machte Todzi seinen Glanztag perfekt. Aus 18 Metern hämmerte er das Leder unhaltbar in die Maschen. Der Jubel kannte keine Grenzen.
Während der Organisationsleiter des OFV für dieses Spiel, Richard End, genüsslich auf der Tribüne die OFV-Aufkleber „OFV – Deutscher Amateurmeister 84“ verteilte, sah auf dem Spielfeld der Hammer Akteur Bennett nach einem groben Foulspiel die rote Karte (86.). Noch einmal kam Todzi zum Zug, aber allein vor Brock vergab er in der 88. die Riesenchance zum 5:1. Und dann war Schluss in diesem hochklassigen Spiel. Der Titel war im Kasten, die Carl-Rieger-Trophäe des DFB gehört für ein Jahr dem Offenburger FV!
* Update: 27. März 23
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Es ist gegen 14:30 Uhr – bei herrlichem Wetter laden die Straßencafes in der Offenburger Innenstadt zum Verweilen ein, zu einem Aperitif oder zu einem kühlen Glas Bier. Die Kellner und Kellnerinnen freilich brauchten zu diesem Zeitpunkt keine Klage über zu viel Arbeit führen. Denn bis auf ein paar Unentwegte, die mit Fußball gar nichts im Kopf hatten, blieben die Stühle und Tische leer. Die Wirtin vom „Alt-Offenburg“ machte ihren Laden einfach dicht und marschierte ins Karl-Heitz-Stadion. Offenburg stand ganz im Banne des runden Leders – und zwar wegen dem Offenburger FV. Das Endspiel um die Deutsche Fußball-Amateurmeisterschaft zwischen dem OFV und Eintracht Hamm war für viele Offenburger sogar so etwas wie ein gesellschaftliches „muß“. Besonders gefragt waren – auch in der letzten halben Stunde vor dem Anpfiff – Karten für die Haupttribüne. Wer sich erst zu diesem Zeitpunkt zu einem Besuch ins Stadion entschloß, stand auf verlorenem Posten. Hoffnungen auf dem Schwarzmarkt man sich erst gar nicht machen. Wer das begehrte Ticket in der Tasche hatte, dachte nicht im Traum daran es wieder herzugeben.
Wer vor wenigen Wochen in Stuttgart die Meisterkür der deutschen Profis miterlebte, der mußte feststellen, so viel anders war das in Offenburg gar nicht, nur halt eine Nummer kleiner. Auf der Tribüne übrigens war Zweckpessimismus nicht gefragt. Offenburg, das stand für viele zu diesem Zeitpunkt bereits fest, wird Meister.
Die Anhänger des OFV entwickelten schnell so etwas wie eine wohlwollend väterliche Beziehung zu den Akteuren auf dem grünen Rasen. Als sich zum Beispiel Ralf Todzi zu einer Diskussion mit Schiedsrichter Dieter Niebergall aus Rammelsbach zu verwickeln drohte, schallte es ihm entgegen: „Halt Gosch, und mach noch ein Tor, na hat die Sach‘ a End.“ Todzi, der am späten Abend in einer Diskothek noch in eine böse Schlägerei verwickelt und dabei schwer verletzt wurde, hielt sich an diesen wohlgemeinten Rat.
A propos Tor: Wenn die Weißen den Ball ins Netz der Hammer gesetzt hatten, dann gab auch der letzte seine vornehme Zurückhaltung auf. Standing Ovations für den OFV. Die Begeisterung und Freude über den glanzvollen 4:1-Sieg hielt auch in den Abendstunden noch an, obwohl da natürlich die Kicker wieder die Nase vorn hatten.
Für die Spieler gab es dann noch das offizielle Bankett. „Ich weiß, das wir Funktionäre in einem solchen Moment am liebsten auf den Mond geschossen würden“, meinte der DFB-Vertreter August Wenz, als er dem OFV-Kapitän Uli Bruder die goldene Nadel überreichte und dem Vorsitzenden Ludwig „Louis“ Fischer den Verbandswimpel. Oberbürgermeister Martin Grüber, der die Deutschen Amateurmeister noch auf dem Spielfeld mit der goldenen Plakette der Stadt Offenburg auszeichnete, lobte die Mannschaft in höchsten Tönen. „Sie haben der Sportstadt Offenburg ein neues Glanzlicht aufgesetzt.“ Dafür gibt’s jetzt auf dem Hartplatz die langersehnte Beregnungsanlage…
* Update: 27. März 23